Evangelische Kirche von Westfalen: Reformprozess Kirche mit Zukunft
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 Reformprozess der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD)
Evangelische Kirche von Westfalen

Ein Dach über dem Kopf

„Schön ist das hier“, sagt Ewald Wischerhoff. Die Aussage verwundert zunächst, denn der 46-Jährige spricht über eine Obdachlosenunterkunft. Seit einem halben Jahr wohnt Wischerhoff in dem Haus des Vereins „Ein Dach über dem Kopf“. Widrige finanzielle Umstände, so sagt er, haben ihn in die Obdachlosigkeit gebracht. Nach einem kurzen Zwischenstopp bei seiner Mutter kam er in das Haus an der Nordbahn in Borken. „Ich weiß es zu schätzen, dass ich hier mit Menschen sprechen kann“, sagt er.

14 Bewohner sind in dem Haus des Vereins untergekommen – von 20 bis 82 Jahre. Für alle gibt es Einzelzimmer. Für vier sogar kleine Wohnungen unter dem Dach, mit Küche und Bad. Dort proben sie schon mal den „Ernstfall“ - wenn sie ausziehen, in eine eigene Wohnung und in ein geregeltes Leben. Denn das ist das Ziel des Vereins: Den wohnungslosen Männern einen Platz zu geben, wo diese „in behüteter Selbständigkeit“ leben und vielleicht auch wieder in ein „normales“ Leben zurückkehren können. Ewald Wischerhoff bewohnt eine dieser Wohnungen.

Der Verein „Ein Dach über dem Kopf“ ist einer der Preisträger, die mit dem Förderpreis „Kreatives Ehrenamt in der Kirche“ ausgezeichnet wurden. Entstanden ist er aus einem Sozialseminar in der Gemeinde Borken-Gemen. Als die Obdachlosen in Borken ihre Schlafstätte verloren und in den Nachbarort geschickt werden sollten, gründete man 1989 den Verein. Er finanziert sich ausschließlich aus Spenden und ist Mitglied im Diakonischen Werk. Noch immer wird das Engagement der Ehrenamtlichen von manchen Stadtoberen nicht gern gesehen. Deren These: Nur weil es ein solches Angebot gibt, kommen Obdachlose nach Borken. Gäbe es kein Heim, gäbe es auch keine Wohnungslosen. „Das ist Quatsch“, sagt Johanna Jähnichen vom Vereinsvorstand, „bei uns wohnen Menschen aus Borken und dem benachbarten Raesfeld.“

Nach seiner Gründung mietete der Verein zunächst ein total heruntergekommenes Haus am Bahnhof an und renovierte es gründlich. Doch 2004 mussten Verein und Wohnungslose umziehen, denn ihre alte Bleibe fiel der Neugestaltung des Bahnhofsbereiches zum Opfer. Damit man nicht noch einmal umziehen muss, kaufte der Verein mit Unterstützung der Kirchen und der Stadt das Haus, An der Nordbahn 1. Rund 500.000 Euro haben Kauf und Instandsetzung verschlungen – längst ist noch nicht alles bezahlt.

Aber die Männer haben nun ein zu Hause. Gute Seele des Hauses ist Anni Lünenborg. Sie kocht, sie redet, sie leitet an und sie passt auf. „Unsere Männer hier leben nur für den Augenblick. Wenn sie eine Aufgabe bekommen, muss man dahinter stehen, dass sie sie auch erledigen“, weiß sie, wovon sie spricht. Die Bewohner des Hauses müssen sich selbst versorgen, so gut es geht. Sie müssen ihre Kleidung und Bettwäsche selber waschen, doch Anni Lünenborg zeigt ihnen immer wieder wie das geht. Dienstags ist Putztag. Da müssen die Männer ihre Zimmer und Bäder sowie die Flure reinigen. Nachmittags geht eine Kontrolle durch das Haus.

Doch es wird nicht nur kontrolliert. Es wird vor allem viel geredet und zugehört. Gerade die Jugendlichen, die zunehmend beim Verein Unterschlupf finden, schämen sich für ihre Unterkunft. Dann setzt sich Anni Lünenborg mit ihnen an den Tisch in der Küche und spricht darüber und macht Mut.
Doch die Jugendlichen machen den Vereinsmitgliedern auch viel Sorge. Die meisten von ihnen stecken in einer Drogenkarriere, sind streitsüchtig und schleppen reichlich Fremde mit ins Haus. Und die machen dann auch schon mal lange Finger.

Gut also, dass nicht nur das Büro abschließbar ist, sondern alle Zimmer und die Kellerverschläge. Je einen bekommt jeder Bewohner um sein Hab und Gut dort zu verstauen. „Oft kommen die Männer ja aus Zwangsräumungen oder ähnlichem, und müssen ihre Sachen unterstellen“, erzählt Vereinsvorsitzender Günter Großmann. In weiteren Kellerverschlägen lagert der Verein Wäsche, Matratzen, Geschirr und anderen Hausrat bis hin zu Möbeln. „Alles Spenden“, sagt Großmann. Mit diesen Sachen werden die Bewohner der Dachwohnungen ausgestattet, wenn sie in eine eigene Bleibe ausziehen. „Eine Starthilfe, damit sie sich nicht gleich verschulden müssen“, sagt Großmann.

Und auch für die Ausgezogenen gilt: Im Haus an der Nordbahn finden sie immer einen Rat und Hilfe. „Der Kontakt ist erwünscht und wird von uns gefördert“, betont der Vereinsvorsitzende. Denn der Verein bietet viel mehr als nur ein Dach über dem Kopf. Hier gibt´s menschliche Wärme und eine Perspektive.

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Seite geändert am 23.12.08, 15:34

 

 Zitat zum Reformprozess:
Wir begleiten die Menschen.
Weil Gott uns Menschen liebt und für uns sorgt, bieten wir als seine Kirche Lebensbegleitung an. Mit Seelsorge und Beratung sind wir den Menschen nahe und stellen uns an ihre Seite. Wir sprechen mit ihnen über Gott und die Welt, bieten Gelegenheit zum Innehalten und Aufatmen und begleiten sie in ihren Freuden und Sorgen in unseren Gebeten.