http://www.reformprozess.de/82.0.html
 

"Wie ein wärmendes Kleid"

Am 29. Februar endete die Amtszeit von Präses Manfred Sorg. Sein Nachfolger Alfred Buß nahm vor der Landessynode 2003 anhand der vier Intentionen des Reformprozesses Stellung zu "Kirche mit Zukunft". Seine Rede:

Glauben vermitteln.

Der Glaube ist keine individuelle Angelegenheit. Das Ich kann den Glauben nicht tragen. Ich glaube in der Gemeinschaft der Heiligen. Ich glaube, weil andere meinen Glauben mittragen und weil mein Glaube mich trägt. Glaube ist nicht einfach verfügbarer Besitz und auch nicht eine definitive Beantwortung meiner Lebensfragen, ein für alle Mal. Aber - immer wieder neu - macht der Glaube es mir möglich, meinen Fragen, Ängsten und Hoffnungen Worte zu verleihen und die Erfahrung zu machen, darin getragen zu werden.
Darum ist der Glaube nicht nur Kopfsache, sondern er berührt das Herz und alle Sinne. Als Kind habe ich das in Kindergottesdienst und CVJM gespürt und als Pfarrer spätestens in der Berufsschule gelernt: der Glaube will so erzählt werden, dass er sich in den Alltagsgeschichten verwebt.

Auf Wangerooge erlebte ich vorletzte Woche, wie Presbyterinnen und Presbyter sich neu einüben in Meditation und Kontemplation, Tageszeitgebete oder geistliche Begleitung. Es gibt eine Suche im Land nach Traditionen und Ritualen, die das Ich entlasten und Gemeinschaft stiften.

Ich werbe für eine Kirche, die den Glauben nicht wie einen Besitzstand vor sich her trägt, sondern Menschen behutsam begleitet und Traditionen und Rituale, auch religiöse Sprache bereithält zum Hineinschlüpfen wie in ein wärmendes Kleid.

Mitglieder stärken.

Die Mitglieder unserer Kirche sind mit einer Überfülle von Sinngebungsangeboten konfrontiert. Die Last, sich darin zu orientieren, fällt wiederum dem Einzelnen zu, der sich immer öfter einen eigenen religiösen Flickenteppich aus den vielen Angeboten bastelt.

Mitglieder stärken und wertzuschätzen heißt für mich, mit ihnen auf transparente Weise zu kommunizieren und sie in ihrer Suche nach Orientierung nicht allein zu lassen. Kommunikation meint Dialog, Austausch und Teilhabe und nicht einseitiges Reden oder gar Hofberichterstattung. Wir brauchen eine strukturierte Feed-back-Kultur in unserer Kirche. Nach dem 1. Westfälischen Kirchentag 1998 in Unna sprach mich ein Unternehmer ausdrücklich als Mitglied unserer Kirche an und sagte: ,Während des Kirchentags habe ich alle Stände zwischen Rathaus und Stadtkirche aufmerksam wahrgenommen. Ich bin beeindruckt von dieser Leistungsschau meiner Kirche. Nur, warum zeigen Sie die sonst nie? Haben Sie das nicht nötig?'
Wir haben es nötig, einander in unserer Kirche wahrzunehmen, aufeinander zu achten und uns einander mitzuteilen. Darum ist es mir wichtig, die interne Kommunikation unter uns Mitgliedern der Kirche - ob fern oder nah - zu stärken.

Dafür nenne ich drei einfache Beispiele:

Ergänzend zu den wichtigen Hauptvorlagen brauchen wir ein jeweils aktuelles Diskussionsforum zu Themen, die wir entweder selber aktiv in der Öffentlichkeit besetzen wollen oder die unsere Reaktion erfordern. Eine koordinierte interne Diskussion entlastet den Einzelnen, stärkt eine Kirche des Priestertums aller Gläubigen und ist Voraussetzung für eine gelingende Außendarstellung. Das Internet stellt alle technischen Voraussetzungen für ein solches Forum bereit.

Die Empfehlung unserer ökumenischen Gäste, Konsultationen auch zwischen Bereichen innerhalb unserer Landeskirche vorzusehen, sollte verfolgt werden und bald eine Form bekommen.

Da persönliche Besuche immer noch das beste Hausmittel sind, um Mitglieder zu stärken, sollten Präses wie Kirchenleitung und Landeskirchenamt regelmäßig vor Ort in den Regionen erfahren, wo der Schuh drückt, und dabei gegebenenfalls auch ein wichtiges Anliegen durch sichtbare Präsenz befördern.

Ich werbe für eine Kirche, in der wir miteinander in einem lebensnahen und lebendigen Austausch stehen.

Menschen gewinnen.

Viele Kinder und Erwachsene wissen nicht mehr, was Christen an Weihnachten oder Ostern feiern; das christliche Abc ist zunehmend unbekannt. Demographische Entwicklung, Strukturwandel und der Individualisierungsprozess machen manche Gemeinde richtig müde. Und doch plädiere ich dafür, diese Erscheinungen nicht zu bejammern und zu beklagen, sondern sie als Herausforderungen so anzunehmen, wie sie sind. Strukturwandel hat es zu allen Zeiten gegeben. Er bietet auch die Chance, aus der Milieuverengung herauszukommen und andere Lebenskulturen und neue Teilnahmeformen ins kirchliche Leben zu integrieren. So lud das Männerreferat unseres Kirchenkreises an Himmelfahrt junge Väter mit ihren Kindern zu einem Indianercamp auf den Haarstrang ein. Mehr als 200 Väter kamen mit über 300 Kindern. Sie bauten Trommeln, erzählten am Feuer Geschichten und feierten gemeinsam Gottesdienst.

Wir müssen neu aufbrechen zu den unterschiedlichsten Lebensorten der Menschen.  Dabei kann die Vielfalt der heutigen Lebenskulturen verwirren. Denn dort gilt es, im jeweiligen Kontext den richtigen Ton zu treffen, damit es uns nicht so ergeht wie einem früheren Nachbarn aus dem Dorf meiner Kindheit. Er wollte mit seiner Familie in England Auto-Urlaub machen. Als ich ihn bei meinem nächsten Besuch fragte, warum er denn nicht nach England gefahren sei, antwortete er: ,Ich habe das mit dem Linksfahren mal probiert hier zwischen Hesel und Aurich, das ist ja gefährlich!' Kontextualität verlangt offensichtlich Empathie und Orientierungssinn.

Zunehmend wird Kirche punktuell wahrgenommen.
Sie ist für viele ,Kirche bei Gelegenheit', wie es ein Buchtitel sagt.  Es wird darauf ankommen, die kontinuierlichen und die punktuellen Aktivitäten in den Gestaltungsräumen klug aufeinander zu beziehen.

Ich werbe für eine Kirche, die sich nicht in unzeitgemäßen Strukturen verheddert, sondern sich den Herausforderungen dieser Zeit stellt, sie annimmt, wie sie sind, und mutig neue Wege sucht.

Verantwortung übernehmen.

Der vorliegende Präsesbericht zeigt überzeugend, dass die EKvW auf vielfältige Weise ihren Öffentlichkeitsauftrag wahrnimmt und sich um Gottes und der Menschen willen einmischt. An einer Stelle allerdings möchte ich deutlicher akzentuieren.

Es ist richtig: Der Umbau des Sozialstaats darf nicht auf Kosten künftiger Generationen verschleppt werden, demographische und wirtschaftliche Herausforderungen verlangen nach sachgerechten Lösungen. Das Gemeinsame Wort von Rat und Bischofskonferenz von 1997 bietet dafür manchen Schatz, den es jetzt zu heben gilt (S.45): ,...Die biblische Option für die Armen zielt darauf, Ausgrenzungen zu überwinden und alle am gesellschaftlichen Leben zu beteiligen. Sie hält an, die Perspektive der Menschen einzunehmen, die im Schatten des Wohlstands leben und weder sich selbst als gesellschaftliche Gruppe bemerkbar machen können, noch eine Lobby haben. Sie lenkt den Blick auf die Empfindungen der Menschen, auf Kränkungen und Demütigungen von Benachteiligten, auf das Unzumutbare, das Menschenunwürdige, auf strukturelle Ungerechtigkeit. Sie verpflichtet die Wohlhabenden zum Teilen und zu wirkungsvollen Allianzen der Solidarität.'

Beide genannten Aspekte sind mir wichtig: Zum einen können und müssen wir als Kirche nah bei den Menschen sein, damit wir den Problemen ein Gesicht geben und Kränkungen, Demütigungen und auch das Unzumutbare benennen. Der Ministerpräsident hat ja Recht, es ist nicht eine Frage nach neuer Gerechtigkeit, sondern nach Gerechtigkeit zu fragen unter geänderten Bedingungen und genau zu fragen! Wen trifft was wodurch wie. In der vergangenen Woche habe ich in Unna Wohlfahrtsverbände, Bildungsträger, Gewerkschaften und alle Vereine zu einer Bestandsaufnahme im Blick auf die geplante Sparpolitik in Bund und Land eingeladen. Die Einladung fand große Resonanz; die zum Teil bedrückenden Ergebnisse werden derzeit ausgewertet.

Zum anderen können und müssen wir die Frage nach dem Beitrag der Wohlhabenden und Reichen stellen, wenn die öffentlichen Kassen leer sind, weil die Reichen hierzulande geschont werden und sie so auf unbiblische Weise leer ausgehen. Der Ministerpräsident hat auf den Stolz der Unternehmungen hingewiesen, die keine Steuern zahlen, aber die Infrastruktur, z. B. Autobahnen, nutzen. Ich frage, wie konnte es dazu kommen, wer macht die Rahmenbedingungen, dass es so ist?

Ich werbe für eine Kirche, der man die Option für die Armen im Alltag abspürt und abnimmt.